Kommt ein Mann in die S-Bahn 5.Januar

(Hörtext gelesen von der Autorin: https://soundcloud.com/user-197863303/kommt-ein-mann-in-die-bahn)

 

Einer steht
— Wer sitzt, der kann
irgendwo im Gang, Stimme ohne Körper erst, dann sprechender Mund langsam auf und zu, die Stimme gehört dahin und die steifen Hände
— monotone Gesichter ringsum
Ick wollte fragen, ob vielleicht eena nochn paa Cents hat.
— ohne Ausdruck, gepflegte Nägel
Dit hilft viel.
— Blick aus dem Fenster-Schneetreiben fliegt vorbei
Ick selbst übanachte zur Zeit beida Motz.
— das eigene Spiegelbild im Glas – der neue Mantel und lässig das Schaltuch
Letztens sind wieda drei Leute erfrorn.
— sie sind in Gedanken – weit weg nicht hier in der Bahn
Vielleicht hat ja eena ein paa Cents übrig.
— sie haben soviel Verantwortung und ein Croissant vom Backshop
Ick wünsch Ihnen nochn jutet neuet Jahr.
— es ist noch früh, wieder ist viel von ihnen verlangt
Letztens sind wieda drei Leute erfrorn.
— sie haben sich ihre Ruhe verdient
Mensch, dit intressiert ja jakeen!

Afghanistan – sichere Herkunft

(Hörtext gelesen von der Autorin: https://soundcloud.com/user-197863303/afghanistan-sichere-herkunft)

Ich finde, man hört das schon an der Sprache, dass hier kluge und rechtschaffende Menschen über bestimmte Sachverhalte aufklären. Und natürlich wissen Leute wie de Maiziere, was sie sagen, wenn sie sagen, Afghanistan ist ein sicheres Herkunftsland.
Warum sollte der sich das ausdenken?
Was hätte er denn davon?
Und er ist nicht der Einzige – auch andere namenhafte Politiker unseres Landes sprechen davon, dass es in Afghanistan noch immer sichere Distrikte und Regionen gibt und dass Abschiebungen dorthin durchaus zumutbar sind.
Natürlich haben die sich vorher ein Bild von diesem Land gemacht.
Das steht vollkommen außer Frage.
Diejenigen, die darüber entscheiden, waren dort für ein paar Tage oder haben wenigstens mit einigen Bekannten, die vor Ort sind, gesprochen. Sie haben die verschiedenen Informationen dazu ausführlich geprüft und sich mit Experten beraten.
Sie wissen also sehr genau, was sie tun und können alles jederzeit begründen – ja sogar rechtfertigen.
Ich muss das mal so deutlich sagen, auch damit sich die Leute mal klar machen, dass sich solche weitreichenden Entscheidungen auch gar nicht anders treffen lassen.

Ich meine, es handelt sich hier um gewählte Vertreter unseres Volkes.
Sie haben unser Vertrauen, das Vertrauen der Bevölkerung darauf, dass sie verantwortungsvoll und sorgfältig handeln und wissen, was sie tun.

Ja! So funktioniert Demokratie.
Wir sind in diesen Dingen vielen Orten der Welt weit voraus.
Und wir hatten es schwer.
Ich meine, überlegen Sie mal, aus welchem Schandloch der Geschichte wir Deutschen gekrochen sind.
Das war doch kein Witz!
Und dass wir heute da stehen, wo wir stehen, ist nunmal keine Selbstverständlichkeit.
Es ist nicht selbstverständlich, dass wir darauf vertrauen DÜRFEN, dass unsere Volksvertreter politisch verantwortungsvoll und im Sinne ihrer Wähler handeln.
Schauen Sie sich mal andere Staaten an, in denen Politik ein Gemisch aus Einzelinteressen Schmiergeld und Vetternwirtschaft ist.
Die könnten sich von uns alle eine Scheibe abschneiden.

Außerdem will ich daran erinnern, dass wir in unserem Land auch Institutionen haben,
die spezialisiert sind, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen.
Große Apparate mit gut ausgewähltem und geschultem Personal, das gut bezahlt und vertrauenswürdig ist.
Und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist nur eines von vielen.
Ich denke, wir können uns darauf verlassen, dass eine verantwortungsvolle Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung zwischen dem Amt und unseren gewählten Volksvertretern stattfindet.
Wir müssen uns sogar darauf verlassen, weil es ihr Job ist, weil wir sie dafür gewählt haben und weil die meisten von uns ihren Job ebenfalls so gut wie möglich machen.

Und natürlich ist die Ausgangssituation zunächst mal neutral und durch Fakten bestimmt.
Die oberste Prämisse ist, die Anträge auf Asyl schnell zu bearbeiten. Trotzdem geht es auch um Gründlichkeit. Und in Deutschland muss keiner mehr betonen, dass es das Grundrecht auf Asyl gibt und dass das nicht veränderbar ist. Denn das ist die oberste Priorität der Mitarbeiter des BAMF.
Nur wenn dann einer aus Afghanistan sich als Straftäter rausstellt oder als Terrorist, dann kann es ihm zugemutet werden, nach Afghanistan zurückzugehen, denn Afghanistan ist ein sicheres Herkunftsland.
Wahrscheinlich sind es zur Zeit echt viele Straftäter aus Afghanistan.
Die sitzen ja alle im selben Flugzeug.
Oder – ich weiß nicht, naja im Augenblick sind alle wieder ausgestiegen, weil es den Bombenanschlag bei der deutschen Botschaft in Kabul gegeben hat und de Maiziere glaubt, dass die deutsche Botschaft erstmal Wichtigeres zu hat als sich um ausgewiesene kriminelle Afghanen zu kümmern. Nach der Einschätzung der deutschen Politiker beweist der Vorfall in Kabul sowieso nichts. Und die Aussetzung der Rückführung ändert nichts an der gründlichen und menschenfreundlichen Arbeit der deutschen Asylpolitik.
Deshalb ist es ganz logisch, dass der Flug nach Kabul nur verschoben ist.

Trotzdem denke ich, dass es gut wäre, wenn unsere deutschen Politiker nochmal den Zusammenhang deutlich machen zwischen dem Begriff sicherer Herkunftsstaat und seiner Definition im deutschen Asylgesetz. Da heiß es nämlich: Sichere Herkunftsländer sind „Staaten, wo weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung praktiziert werden“. Vielleicht genügt es auch, wenn sie nochmal kurz erklären, aufgrund welcher konkreten Aspekte, Afghanistan als sicher eingestuft worden ist. Das kann man ja transparent machen, dann verstehen das auch mehr Leute und besonders wirksam wären hier natürlich zwei, drei Erfahrungsberichte oder so.
Es gibt noch eine zweite Sache, die auch wichtig wäre zu erklären, nämlich: Warum die Politiker bei dem Begriff sicheres Herkunftsland seit Wochen jedes Mal hinzufügen, es gäbe immer noch sichere Regionen in Afghanistan.

schäferkinder

gelesen von derAutorin: https://soundcloud.com/user-197863303/schaferkinder

I

ein alter schäfer

lag schwer mir gegenüber

den rücken an der kühlen wand

in einer reihe bauch und kopf

dazwischen beine wie nicht dazugehörig ausgestreckt

er war plötzlich da

sein fell war stumpf und gelb

um ihn herum war buntes treiben

stimmen die sich rufen

beine die sich ausweichen

dazwischen zigaretten die angezündet werden

um dann vergessen im aschenbecher zu verrauchen

 

an ihm zog all das nur vorüber

er lag einfach da

der kopf rechts

der schwanz links

 

vielleicht hat er gewartet

vielleicht darauf dass ich ihn endlich sehe

vielleicht darauf dass ich wieder warten lerne

vielleicht auf nichts

nichts bestimmtes

 

immer wieder trafen sich unsere blicke

glitten aneinander vorüber

 

ich war damit beschäftigt wie die anderen das konzert vorzubereiten

 

die eintrittskarten

die kasse

die stimmen vor der tür

die leute sind schon da

stehen an

freuen sich auf die band

sie sind zum vergnügen hier

sie haben sich zeit genommen

sie haben zeit

sie haben sich

 

es werden immer mehr der abend bekommt zug er beginnt sich zu drehen wie ein karussel immer schneller drehen trennen sich augen gesichter stimmen lachen körper namen

 

namen nicht gesichter nicht körper nicht

augen nicht lachen stimmen nicht

gesichter die sich rufen augen die sich ausweichen

nicht ausweichen können

stoßen aneinander

waberndes dickicht bis keine luft mehr bleibt

das bild gefriert

der film hängt

bleibt eine wand

ich laufe dagegen IMMER WIEDER ich kann sie nicht sehen

egal wohin ich trete immer kleiner wird der raum

überall ist wand

 

ich stehe still

schaue um mich

begegne den augen des hundes

für einen moment verharre ich in seinem blick

wir kennen uns nicht

wer bist du denke ich

wer ist das frage ich

ein freund sagt er habe ihn mitgebracht vom schmuddelkiez

dort habe er niemandem gehört 

 

ich schaue wieder zu ihm

und erst jetzt bemerke ich

die vorderläufe zwischen seinen atemzügen 

sie sind abgeschnitten

und einer ahnung folgend tastet mein blick vorsichtig nach seinen hinterläufen

auch die hat jemand abgeschnitten

blutig schauen die knochenstümpfe heraus

gesplitterte stümpfe ohne knorpel

 

die zeit verschluckt sich

 

wie soll einer so laufen

der blanke knochen schabt auf hartem stein statt weicher pfoten

blut und splitter

wunden die keinen schlaf mehr kennen

kein heute

kein morgen

wer tut sowas

 

ich stehe noch immer am tisch der die kasse sein sollte die beine knicken weg

jemand schiebt mir einen stuhl hin drückt mich drauf

ich lege den kopf auf den tisch

schaffe es noch einzuatmen

dann brüllt es aus mir heraus

ich kann es nicht aufhalten ich schreie nach meiner mutter

und weine laut bis ins wachen wie ein kind.

 

 

II

gestern habe ich diese kinder gesehen

schäfers geschwister – beide blass

und mit dunklen rändern um die augen

die kleinere hatte blaue flecken im gesicht und

augen die mich zur vorsicht ängstlich anlächeln

wie auf knopfdruck als ich sie an der tür überholen will mit dem tablett auf der hand

ich bleibe kurz stehen und streiche ihr nur einen moment mit der hand über die wange

 

die mutter trifft sich hier mit ihren eltern

sie ist fahrig

ich kenne sie irgendwoher

ich glaube sie war eine dieser streberinnen aus der sek II

bevor ich die schule verlassen musste

 

heute ist ihr mund ein strich ihre haut unrein

nervös fuchteln ihre hände wenn sie spricht

ihre stimme schneidet in die weichen gesichter ihrer mädchen 

 

sie sind so artig

»mama, das kann ich dir nicht sagen, weil du sonst schimpfst«

sagt die eine zwischen zwei hastigen schlucken kakao

 

bevor sie zahlt

geht die mutter mit der kleineren aufs klo

lange bleiben sie weg

auf dem weg ins lager höre ich ihre stimme

das klo ist klein

sie sind zu zweit

es ist eng

sie stehen sicher ganz nah haut an haut

 

sie schreit ihr mädchen an

sie steht so nah

ihre stimme überschlägt sich sie ist rasend vor wut

die kleine ist still

 

ich weiß nicht was ich tun soll

sie muss etwas entdeckt haben

das ihr nicht gefällt

die stimme der kleinen ist sich ihrer schuld schon bewusst

 

ihre eltern sitzen nervös noch am tisch

können alles hören

wie ich

tun nichts

wie ich

 

nach einer ewigkeit kommt sie heraus

kommt zu mir

und macht mich dabei jedes wort akkurat einzeln aussprechend darauf aufmerksam

dass ich eine neue mülltüte in den wc-eimer tun soll

sie habe die alte mit etwas von ihrer tochter entsorgen müssen

 

ich bleibe ratlos zurück

sie gehen

 

in der alten mülltüte finde ich die blutige unterhose einer fünfjährigen

TRUMP

Hörtext gelesen von der Autorin: https://soundcloud.com/user-197863303/trump

verdammt nochmal – die verarschen uns doch!

merken sie das nicht? schauen sie mal hin! glauben sie wirklich, denen geht’s um gerechtigkeit, um recht und ordnung, um demokratie, um uns? vergessen sie’s – die wollen bloß nicht loslassen von der macht. aber ich sag’s ihnen: ihre zeit ist um! die hatten ihre chance – aber die haben sich überreizt – auf schulden gepokert. verspielt.

jetzt wird aufgeräumt! jetzt kommt trump!

das wissen die auch. und die fürchten sich. mit recht! die wissen, wenn sie die präsidentschaft an trump verlieren, sind sie ein für alle mal raus! was meinen sie, warum die jetzt alle panisch zurückrudern und plötzlich sagen, dass der trump keine gute wahl ist?

warum fällt denen das jetzt ein? die haben ihn doch unter ihrem label antreten lassen. haben die denn ernsthaft erwartet, dass sich der trump in ihren dienst stellen lässt?

ich sag‘ ihnen was: das glaub‘ ich nicht! verstehen sie? ich glaube diesen leuten die überraschung und die empörung nicht. so, als hätten sie gerade eben erst entdeckt, dass der trump ganz anders ist als die anderen!

klar, die haben am anfang noch gehofft, dass trump sich ihnen und den üblichen gepflogenheiten in ihren komischen slowfood-kreisen anpasst. die haben gedacht: „der will was von uns, damit können wir auch was von ihm erwarten.“ das ist sie, die alte liebe von geld und macht. tja, aber die hoffnung hat sich nicht erfüllt!

sie haben ihm nicht richtig zugehört. aber das wird sich ändern müssen. ihre redezeit ist um.

jetzt wird zugehört. zuhören – das ist die pflicht der machtlosen. ja, sie hätten ihm zuhören sollen. alle. von anfang an hat trump betont, dass er gerade KEINER von ihnen ist. oft genug hat er das gesagt!

haben die denn echt geglaubt, dass trump bei ihrer lächerlichen AMERIKANISCHEN DEMOKRATIE mitspielt, dass der die regeln kennt oder sich dran hält? ich meine, das ist doch nicht neu: die wichtigste regel in diesem – ich sag‘ mal: PLANSPIEL ist doch, dass alles, was die politiker inhaltlich sagen, was sie verändern, verhindern oder einführen wollen, kodiert und verschlüsselt ist – die statements von politiker a zum thema sowieso klingen so erstmal total sozial und fortschrittlich. aber unterm strich, also ohne die codes, bedeuten sie, dass sich zum beispiel eine bestimmte soziale gruppe auf schikane und ausgrenzung einstellen sollte.

ich schwör’s ihnen, genau so ist es. tja und ich schätze, trump hatte nie vor, sich zu unterwerfen oder sich an irgendwelche regeln zu halten.

das ist es, wovor die anderen so ’ne schiss haben. der ist so sehr von sich und seinem recht auf den thron überzeugt, dass er sich noch nicht mal die frage stellt, ob andere leute irgendwelche erwartungen an ihn haben. im gegenteil: er ist der einzige, der überhaupt noch erwartungen an andere stellen darf. schauen sie sich ihn mal an. das sagt schon seine haltung.

ist also klar: die haben die hosen voll. mannmannmann. wie lang hat es allein gedauert, bis die überhaupt begriffen haben, dass der trump alles, was er sagt, auch genau so meint. ich bin sicher, dass die die ganze zeit versucht haben, die codes in seinen reden zu entschlüsseln. aber der hat eben keine codes. der will aufräumen. der will absolut unmissverständlich sein.

und diese alte riege ist so unglaublich FEIGE. ich meine, schauen sie sich diese leute an. keiner von denen hat den arsch in der hose, wirklich zu sagen, was er denkt. keiner. selbst als die bei sich so gedacht haben werden, dass einer wie trump auf keinen fall ins weiße haus ziehen darf, haben die alle die schnauze gehalten. stattdessen haben die das einfach mit säuerlich lauernder miene den bürgern überlassen. wahrscheinlich dachten die, dass die sich schon richtig entscheiden werden.

ich meine, das haben sie ja auch. nur dass es, wie immer, verschiedene meinungen darüber gibt, was richtig und was falsch ist. trump ist jetzt jedenfalls der richtige kandidat der republikaner.

ich sag‘ ihnen, was die alten am meisten fürchten: dass, wenn so einer grundsätzlich präsident werden kann, dann kann ja bald jeder kommen. also nicht wie bisher, wo das POLITISCHE GESCHÄFT – so muss man das heute wirklich nennen – nur bestimmten clans, bestimmten gehalts- und bildungsklassen vorbehalten gewesen ist.

ist schon klar – das hat nichts zu tun mit der demokratie, mit der die usa seit jahrzehnten in der welt hausieren gehen – aber das interessiert am ende eh keinen.

verlogenes geldgeiles pack. denen geht’s doch allen nur um das eigene konto und demokratie is ’ne ware, die sich bislang gut verkauft hat. bislang.

irgendwann haben dann jedenfalls auch diese alten säcke gemerkt, dass der trump alle anderen kandidaten in den skat drückt. mit scheinbar größter leichtigkeit. ok: der benimmt sich ein bißchen wie auf dem schulhof die neuntklässler. im grunde ist er sogar ein ziemlicher angeber, redet meistens nur von sich – was er alles kann und schon gemacht hat und was ihn ankotzt – und bei allen bildern, die der den ganzen tag in sprechblasen malt, ist er selbst immer der allergrößte und natürlich der, der recht hat!

krass ist natürlich, dass jeder weiß, dass da wahrscheinlich nicht viel dahinter ist. aber es ist gar nicht wichtig. das ist ja das irre! im gegenteil: hier geht es schon die ganze zeit um etwas vollkommen anderes – um was absolut grundsätzliches!

die mittel, mit denen trump all das fertig bringt, liegen unterhalb der gürtellinie von anzugträgern – sicher. er verhöhnt ihre konventionelle und überhebliche politik der letzten jahrzehnte. und er gewinnt, weil er ihre MORAL verloren oder besser: nie besessen hat. er macht nicht nur die anderen kandidaten, der macht auch die eigene partei lächerlich. womit? na, indem er seine unangepasstheit, seine kaum zu ertragende stumpfheit – statt sie zu verbergen – wie TEUREN SCHMUCK zur schau trägt. darin liegt sein erfolg! ja. machen sie sich das klar! der ist der einzige, der SEIN GRÖßTES DEFIZIT nicht verbirgt. alle anderen wollen uns glauben machen, dass sie keine defizite haben!

und obwohl das alles für trump spricht, sind die immer noch der meinung, dass trump nicht präsident werden darf! die haben, wie gesagt, entweder das problem, dass der sich nicht an die spielregeln hält und damit ihr verlogenes spiel verrät oder, wenn er sich das image doch nur zugelegt haben sollte, dann haben die ein problem mit der botschaft, die mit seinem image einher geht: nämlich, dass jeder idiot präsident der vereinigten staaten werden kann. und wenn das so ist, dann ist die usa nicht länger die unangreifbare supermacht der welt. dann haben salafisten, putins, erdogans freie fahrt in jeden turm, auf den sie lust haben.

trump interessiert sich natürlich nicht für die probleme von anderen – deshalb ist es auch egal. der wird das rennen machen! und klar, es kann schon sein, dass der das alles geplant und kalkuliert hat. sein ganzes auftreten, die gesamte performance und so. aber selbst wenn es so wäre, hätte er eindeutig einen sinn dafür, die faulen stellen in der politik der privilegierten, ihre moral, die den armen wasser predigt und selbst nichts als wein säuft, die sich seit jahrzehnten in der westlichen politik ausbreitet, zu entlarven. ob echt oder nicht – ich jedenfalls würde den trump wählen. das können sie mir glauben.

in diesem wahlkampf geht’s nicht um inhalte. deshalb ist das ganze geschrei darüber, dass der trump gar kein programm hat, vollkommen überflüssig! und ich verrat‘ ihnen noch was: eigentlich ging es noch nie um inhalte! ich meine, politische programme sind doch nichts anderes als kostüme in großen shows. die meisten kostüme sind sich erstens ähnlich und zweitens total übertrieben. mit viel zu viel glitzer und auf der straße würde man die nie anziehen. jedenfalls je nachdem, was für ein kostüm du trägst, spielst du eben diese oder jene rolle und wenn du glück hast, fällt ein paar leuten auf, worin sich nun gerade dein kostüm von den anderen unterscheidet. naja und der trump fällt eben auf, weil er als einziger gar nichts anhat!

der ist NACKT. das gab’s noch nie und so gesehen, hat der natürlich das beste kostüm!

trump hat FORMAT! finden sie nicht? sie denken bei »format« sicher an teure anzüge und gescheitelte haare, randlose brillen und hohe bildungsabschlüsse, an political correctness und kontrollierte äähs im satzbau.

aber genau da liegt ihr irrtum. verstehen sie? das, was sie fälschlicherweise für politiker mit format halten, sind doch genau die leute, über die wir uns eigentlich alle seit jahren ärgern. leute, die uns die ganze zeit glauben lassen, dass sie uns mit ihren glatten fernsehgesichtern irgendwie was voraus haben. ja, die uns glauben lassen, dass sie uns was voraus haben müssen, sonst wären die ja nicht dort, wo sie jetzt sind oder WIR wären an ihrer stelle…

und wirklich: die ganze zeit denken wir, dass die mehr können als wir, dass die mehr verstehen als wir, weil sie klüger sind, weil schon ihre eltern mehr verstanden habe, weil sie mehr geld haben… wir denken, dass die leute ihnen zuhören, weil sie was zu sagen haben, weil sie sich auskennen, weil sie wichtig sind…

ok. vielleicht denken sie das auch nicht. ich will nur sagen, dass wir, ohne dass wir das wollen, so einen merkwürdigen respekt vor denen haben. beobachten sie sich mal selbst. stellen sie sich nur mal vor, sie säßen allein in der kneipe beim bier und plötzlich kommt so ein typ rein, den sie aus den nachrichten kennen: sie fühlen sich plötzlich klein. vielleicht würden sie sogar versuchen, das bier, das vor ihnen steht, unauffällig von sich weg zu schieben, damit der nichts falsches von ihnen denkt. is echt so.

das sind diese leute, die uns auf plakaten wochenlang die straße entlang lächeln, bis einer mit ’ner sozialen utopie im kopf und ’nem schwarzen edding in der hand ihnen eine zahnlücke in die fresse malt. das sind die leute, die uns ihre programme auf kurze hauptsätze runtergebrochen in die mikrofone spucken, als würden wir mehr nicht verstehen. leute eben, die wir trotzdem all die jahre gewählt haben oder wählen mussten, weil es keine anderen gab oder wegen denen wir gerade NICHT mehr wählen gehen.

diese leute haben kein format!

und jetzt schauen sie sich nochmal den trump an! der ist anders. der trägt keine maske. der ist nicht schön und der hat schweißflecken unter den achseln – der ist ganz normal. deshalb ist das genau DER MANN, DEN WIR BRAUCHEN. wir alle! sie und ich.

mal ehrlich: das ist doch völliger irrsinn, was die für ein brimborium machen um dieses amt. überlegen sie sich mal, dass es überhaupt nicht denkbar ist, dass ein normaler kevin mit einer 9-jährigen schullaufbahn, vielleicht einem erlernten beruf aus irgendeiner amerikanischen klitsche, mit zwei kindern aus einer früheren ehe und zweien aus der nicht ehelichen lebensgemeinschaft, präsident der vereinigten staaten wird! ich meine, schon klar, der trump kommt nicht aus sozial schwierigen verhältnissen und der hat geld wie andere leute fettzellen, aber das ist auch gar nicht mein punkt.

sein größtes plus ist seine ungeheure EHRLICHKEIT. der ist ehrlich neidisch und ehrlich aggressiv. er versucht gar nicht erst, das zu verbergen. damit ist er eigentlich ein vorbild. ich meine, der flippt doch regelmäßig aus auf seinen reden. was meinen sie, wie befreiend das ist. ich schwör’s ihnen, den meisten leuten täte das echt gut – einfach immer genau das zu sagen, was man denkt. wir könnten uns eine ganze menge kopf- und rückenschmerzen sparen oder depressionen – das sind doch unsere volkskrankheiten nr.1… das müsste echt alles nicht so sein.

trump macht es jedenfalls richtig. erinnern sie sich doch mal an ihr eigenes letztes klassentreffen oder an einen ihrer kollegen. bestimmt kennen sie diese leute, die irgendetwas haben oder dürfen, von dem sie denken, das hätte ich auch verdient oder sogar, wieso hat dieses arschloch … und ich nicht? es wäre doch gut, wenn wir wieder lernen würden, das auch rauszulassen, mal aufzudrehen und nicht immer nur zu denken: darf ich das sagen? darf ich das überhaupt denken?

DAS meine ich mit format! trump tritt mit dem gesicht an, das er nunmal hat und mit der wut. wissen sie denn, worüber hillary clinton wütend ist? hat die nur ein einziges mal gesagt, dass sie diese wahl vor allem für ihr eigenes selbstgefühl gewinnen will? das würde der ehemaligen first lady mit dem ewigen lächeln nicht gut zu gesicht stehen. sie müsste es aufgeben dafür und das geht nicht mehr, botox sei dank.

nein! trump sagt das mit jeder silbe! keinen zweifel lässt er daran. das ist verdammt mutig. das hat format!

ach was weiß ich! jedenfalls versucht er gar nicht erst, sich zu beherrschen. zum beispiel ist auch ihm sicher nicht entgangen, dass die frauen in den letzten jahrzehnten für ihre gleichberechtigung kämpfen. er beleidigt sie trotzdem – natürlich weiß er, dass ihn das stimmen kostet. aber der kann nicht anders. der lässt es einfach raus. geballte ladung und wie krass der dabei aussieht! DER REDET JA MIT DEM GANZEN KÖRPER. das ganze gesicht wird zur fratze.

es ist vollkommen klar, womit wir rechnen müssen, wenn der gewählt wird. so gesehen ist er wahrscheinlich der erste politiker, bei dem alle froh sein werden, wenn er versprechen nicht hält! klar, besonders klug ist er nicht – genau wie der einfache kevin, aber das müssen sie auch gar nicht sein. dafür haben sie ja später ihre berater.

der ist uns ähnlich. ein irgendwie zukurzgekommener. letztens hab‘ ich gehört, dass er als junge immer um die liebe seines vaters buhlen musste. der vater hat wohl nicht soviel von seinem sohn gehalten. das wusste trump junior. das hat er gespürt. daher kommt vielleicht sein neid und sein hass. der verabscheut ehrlich. das ist selten geworden heute. denn das verrückte ist, dass selbst wir normalen leute uns gar nicht mehr trauen, offen unseren zorn rauszulassen, unsere eigentlichen absichten kaum mehr formulieren, sondern alles immer so hinstellen, als würden wir erst ganz zum schluss an uns selbst denken. aber warum denn eigentlich? ist die welt wirklich nur eine maske? und ihr gesicht ist hillary clinton?

haben sie sich die eigentlich schonmal genauer angeschaut? die bewegt sich ja fast gar nicht bei ihren auftritten. angst vor schweißflecken wahrscheinlich. ich hab’s beobachtet, sie redet echt nur mit dem mund und ihr lächeln sieht immer gleich aus. sie hat auch nur eins. im grunde sieht die jetzt schon aus, wie das denkmal, das sie werden will oder wie ’ne wachsfigur. und mal ehrlich: die interessiert sich doch einen scheiß für andere. schon gar nicht für die frauen, die der trump beleidigt. oder können sie sich vorstellen, dass die sich zum beispiel nach der verlorenen wahl noch mit diesen leuten ohne bildung und mit schlechten zähnen hinsetzt, ihnen zuhört und ihnen ihre hand auf den arm legt? nie im leben! die hat doch ANGST vor leuten, die nicht sind wie sie! ich glaub‘ ihr nicht! nichts! nicht ihre phrasen, nicht ihr lächeln und ihre moralischen absichten! die will doch auch nur auf den stuhl!

wie gesagt: ich würde trump wählen. dem glaub‘ ich jedes wort! und sie sollten das auch tun!

 

sprache, die wir verstehen

gelesen von der Autorin: https://soundcloud.com/user-197863303/sprache-die-wir-verstehen

ICH KANN NICHT MEHR SCHREIBEN
jedes wort, das ich aufs weiße papier würge, stinkt
und glotzt mich hohläugig an
als wäre es schon lange tot
wie ein dämon tobt es in mir will raus stößt auf und an
will mehr und mehr
wie pestbeulen bläht’s mich auf und frisst sich durch meine wände
die platzen oder reißen
dann fällt es raus
und steht vor mir – hämische fratze – sie grinst und scheppernd immer ferner höre ich schallendes gelächter als wollte sie mir sagen
ein wort in dieser zeit – ein wort – ist leer
ist hohl
gehört nicht zu dir
prallt ab an dir
an mir
an allen
es sagt nichts
es befreit nicht

dumpf bleibe ich zurück zuckerwatte kauend
atem klemmt in meiner brust
ich möchte nicht schreiben
nein – SCHREIBEN möchte ich nicht

ich möchte das papier in scheiße wälzen, auf dem ein gedicht steht, das noch hoffnung hat.

ich möchte es in den faulen gedärmen der toten oder gerade an angst, armut oder an verachtung sterbenden wälzen, die unsere gier und unser machthunger, unsere unterhaltungssucht und gleichgültigkeit jeden tag fordern

und dann
dann möchte ich mich vor euch hinstellen mit tausend kameras wie gewehrläufe um mich herum platziert
und wenn die roten lämpchen blinken und ihr mich lang genug und schon ungeduldig anstarrt
dann werde ich mich ganz langsam an diesem papier erregen, das beschmutzt ist mit aufgerissenen augen in dunklen nächten, die nicht schlafen können
ich werde mich an der erniedrigung derer, die immer schon unten stehen, weiden und an den schmutzigen tränen ihrer einsamen kinder

ich nehme es in die hände
und beginne mir damit sanft über meine wangen und nase zu streichen
über die augen, die schon halbgeschlossen sind
über die empfindlichen schläfen, an denen die haut so dünn ist

langsam verteilt sich der miefige schweiß von fremden menschen auf meiner haut
meine lippen sind leicht geöffnet
vorsichtig nehmen sie den geschmack ihrer alpträume auf und der scheiße, die keinen platz hat in unserer sauberen welt

gierig nach mehr fährt meine zunge kreisend über den faulen glibber von panik,
in der jemand nicht mehr weiß, wem er trauen kann
angst schmeckt säuerlich
meine lust steigert sich als ich mit dem modrigen papier wieder und wieder über die empfindlichen stellen an meinem hals gleite bis zu den schlüsselbeinen, die hervorstehen und die ich ganz beschmiere mit den menschlichen überresten

fast grob umfasse ich nun meinen busen
meine nippel sind hart
und schwer atmend umkreise ich sie mit dem mit lebensunwert besudelten fetzen

ich fange an zu rasen, das rhythmische kreisen in meinen hüften geht in hartes stoßen über
im takt schlage ich mir selbst das zur rolle gefaltete papier auf den blanken hintern, der sich dem von blut und kot feuchten schlägen willig entgegenstreckt

ich will mehr ich will mehr
presse ich mühsam heraus
mehr drama mehr scheiße mehr blut mehr tränen mehr angst mehr ohnmacht mehr ungerechtigkeit
ich ergebe mich
falle auf die knie
und winsele um gnade
sie kommt nicht
stattdessen kommt meine rechte hand
sie hält mir unmissverständlich fordernd
die verschmantete papierrolle hin

ich berühre sie – wieder mit den lippen – umkreise sie sanft mit der zunge
ungeduldig schiebt meine hand mir die rolle immer tiefer in den mund
ich ersticke fast und schaue dankbar
und beginne zu kauen

ich kaue und versuche zu schlucken
ekel drückt von unten
die luft anhaltend, drücke ich die warme und wabbelige masse zwischen gaumen und zunge
ganz nach hinten
ein stoß von unten
ich kanns nicht
irgendwas sperrt sich in mir
ich kann die scheiße nicht schlucken
aber ich muss – ich muss – ich muss – ich

bis ich kotze
in tausend kameras
in eure hirne
euch vor die füße
ich kotze, was wir so gierig aufgenommen! fremde furcht fremdes leben und sterben, das uns nicht hart genug sein kann, weil wir so kalt geworden sind auf unseren sicheren bänken

das ist die einzige sprache, die wir verstehen!

Variationen des Terrors

Hörtext: gelesen von der Autorin

I
Wissen Sie, ich warte! Jeden Tag warte ich. Gleich morgens, wenn ich aufsteh‘, kontrolliere ich als erstes die Nachrichtenagenturen – eigentlich nicht nur morgens – ständig durchforste ich die Agenturen – ich meine wirklich ständig, im Sekundentakt, es ist wie eine Sucht, ich habe die Fenster der Agenturen auf meinem Smartphone und auf meinem Tablet geöffnet. Und obwohl eine neue Nachricht oder eine Aktualisierung des Nachrichtenstandes mit einem Ton signalisiert wird, muss ich abwechselnd alle Agenturen abrufen. Es könnte ja sein, ich höre das Signal nicht oder der Ton ist versehentlich ins Tonlose verwischt worden, was weiß ich! Ich bekomme jedenfalls eine Art von Herzrasen, wenn ich mir vorstelle, DIE NACHRICHT zu verpassen. Ich kann schon kaum mehr schlafen, auch wenn ich müde bin. Eigentlich habe ich mich abgesichert. Dieselben Agenturen sind auf verschiedenen Endgeräten aufgeschlagen – auch über Nacht. Der Ton ist überall auf volle Lautstärke gestellt. Auch das kontrolliere ich permanent.
Ich warte ungeduldig auf Nachrichten. Vielleicht verstehen Sie das nicht. Aber Sie werden es ganz sicher bald verstehen. Bald stecken wir da alle mittendrin. Das ist ja das Verrückte. Ich warte ja nicht auf den Messias, auf etwas, das IRGENDWANN kommt, sondern es ist ganz nah – sehr nah! Und ich frage Sie ernsthaft, wieso soll es denn immer nur die anderen treffen? Die Franzosen, die Belgier, die Briten, die Türken, die Amerikaner?

Ich verspreche Ihnen, es wird uns treffen! Wir gehören mit Sicherheit zu den begehrten Zielen!
Alles ist so voraussehbar. Aber man kann es trotzdem nicht anhalten. Und das ist es, was mich so irre macht. Wissen Sie, das ist wie ein großes Spiel, in dem es endlich wieder um etwas geht. Letztens hab ich angefangen zu rechnen. Ich habe mit 2001 angefangen – und habe die Abstände berechnet zwischen den Anschlägen:
2001 USA
2002 Djerba, Tunesien und Russland – Sie erinnern sich, das Moskauer Theater
2003 Madrid
2004 Londoner U-Bahn
über die Moskauer U-Bahn 2010
bis hin zu Charlie Hebdo 2015 und Brüssel 2016
Die Liste ist viel länger. Die Abstände werden kürzer. Und die Anschläge werden konkreter. Die Gegnerseite kristallisiert sich immer klarer heraus. Es sind nicht mehr so viele kleine Gruppen. Erstaunlich ist, dass es hier bei uns, in Deutschland, bislang vor allem rechtsextreme Anschläge gab. Nach meiner Berechnung dauert es nicht mehr lang. Es kann jeden Tag soweit sein, jede Nacht, jede Minute.
Es gibt sogar Zusammenschlüsse von Terrorgruppen – Fusionen sagt man im Kapitalismus –
Im Grunde muss man schon von einer Art Terrorkapitalismus sprechen. Ich meine, da geht’s doch auch um Profite, Marktanteile, Ideologien, Aufteilung der Welt…
Das kommt immer näher. Das breitet sich aus, ist unkontrollierbar, wo du hinschaust, überall entsteht er neu, wie die Köpfe der Hydra, einer ist abgeschlagen, sieben neue wachsen nach!
Das Spannende an diesem Großspiel ist, dass es auf Zeit geht, nur hat eben niemand die Stoppuhr in der Hand, sieht also, wann die Zeit um ist und – was Sieg dann bedeutet…

II
Zum Beispiel die Fußballeuropameisterschaft in Frankreich. Sie beginnt am 10. Juni. Am 19. Mai hat das französische Parlament beschlossen, den Ausnahmezustand, der seit den Pariser Anschlägen im November 2015 verhängt ist, zum dritten Mal zu verlängern. Denn die europäischen Geheimdienste schlagen Alarm. Sie stufen die Wahrscheinlichkeit, dass schon zum Eröffnungsspiel ein Anschlag verübt werden wird, als enorm hoch ein!
Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich darauf freue und wie sehr ich darauf hoffe, dass endlich wahr wird, wovor sich alle fürchten, was sie gleichzeitig, das garantiere ich Ihnen, so ersehnen – denn das allein ist uns geblieben – hier noch spüren wir es wieder – unser Leben, unsere Lebenszeit, unser Endlichkeit!
Es ist ein Nervenkitzel in unserer faden Welt aus nicht endenden Aufstiegschancen zwischen gemauerter Familiengründung, Hausbau und Versicherungen.
Plötzlich gibt es ein Risiko, das die emotionale Berechenbarkeit unserer Tage von außen bedroht, das wir nicht lenken, ablenken, anhalten können wie einen Horrorfilm, um uns noch eine Tüte Nüsse und ein weiteres Bier zu holen. Wir können nicht aussteigen, wie aus der Achterbahn, den Rausch nicht ausschlafen bis zum nächsten Morgen.
Und der Tag wird kommen!
Und nur die kleinste Unregelmäßigkeit wird zum Kollaps führen, eine hysterischer Mechanismus bis dahin, dass sich das System selbst ausschaltet und selbst das wäre toll!
Warum??? Na weil es die vollkommene Abwesenheit der Normalität ist! Das ist es doch, was wir suchen und brauchen. Was wir nicht wissen, ist, dass wir uns dem falschen Feind gegenüber sehen. Auch wenn sich keiner in die Luft sprengt, es keine Geiseln und Blutlachen um zerschossene Leiber gibt – er ist da! Der Feind. Er ist anwesend – er sitzt in in unseren Köpfen, in unserer Existenz, in uns. Wir sind es selbst!!!
Wie sehr hassen wir unsere Existenz! Wie sehr sehnen wir uns nach dem Spiel, nach den Abenteuern unserer Kindertage, in denen wir nie wussten, was im nächsten Moment geschehen wird!

Aber wissen Sie, es ist gar nicht schlimm, dass wir das alles nicht wissen. Denn es kommt noch hinzu, dass wir uns alle auf der gleichen Seite wähnen. Wir haben das Gefühl, es betrifft uns, uns alle! Und wir müssen da gemeinsam durch! Das ist unser Ziel!
Ja, wir haben ein Ziel – ein gemeinsames!
Wir schaffen das!
Diese Leute dürfen uns unsere sinnlose Einsamkeit nicht nehmen! Das lassen wir nicht zu! Dafür gehen wir auf die Straße, alle zusammen! Wir sind ein Volk! Ja, das ist unser Ziel!

III
Die neue Unterhaltung.
Ich arbeite an einer neuen Geschäftsidee:
Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit der U-Bahn. Es ist 9 Uhr morgens, vielleicht ein Dienstag. Sie müssen stehen. Es ist eng. Manche haben die Zeitung aufgeschlagen. Andere trinken ihren Coffee to go mit Plastikdeckel. Wieder andere wischen sich durch ihre Fotoalben ihrer Smartphones. Manche riechen morgens schon nach Angstschweiß. Andere starren apathisch vor sich hin.
Und plötzlich fällt alles ineinander, ein ohrenbetäubender Knall, der Raum, die Zeit. Alle schreien. Sie sehen nur noch Bilderfetzen und Leiber, die in Unordnung geraten sind. Sie verlieren die Orientierung. Sie sind irgendwo im Schacht. Sie schwitzen. Etwas Beißendes ist in der Luft. Ihre Augen brennen. Nur undeutlich erkennen Sie das rote Kostüm der jungen Frau wieder, die neben Ihnen gestanden hat…

Kosten Sie die Katastrophe! Und kehren Sie zurück ins Leben. Werden Sie ein Überlebender!

hunger

Hörtext: „hunger“ gelesen von der Autorin

 

es ist abend und dunkel
schlafenszeit und träum schön
träum was schönes und schlaf gut hat mama immer gesagt
hat mama immer gesagt wenn sie zuhaus war

wenn sie zuhaus war hat sie mich ins bett gebracht
träum was schönes und schlaf gut du auch
ja schlaf gut und träum was schönes
ja du auch

wenn sie nicht zuhaus war gab es keine träume
aber gewartet hab ich

wer wartet der lebt nicht

ihre eiligen schritte herbei gehört hab ich
nichts gehört hab ich
nur stille und dunkel
nichts hören nichts

sehen nichts sagen zwei scheiben brot
zum abend wenn sie nicht zuhaus war
und kalt ist das dunkel draußen
nur das rote blinklicht vom schornstein kann ich noch sehen

kann mich noch sehen das rote blinklicht
wurstbrot mit speck und borsten
blut vom schlachter
schon verschluckt alle hoffnung das dunkel und den schornstein
nur ungläubig blinkt eine letzte

das fensterglas beschlägt lässt draußen keine welt
drin spiegelt sich ein kind
sitzt am hohen tisch nicht auf der bank über eck
steht vor ihm ein teller mit scheiben brot so dick
auf hartem holz liegen schmale kinderbeine

in der mitte durchgeschnitten
in seinem rücken eine tür
durch einen spalt dringt ein licht vom flur

blickt es herüber zu mir wie das blinklicht vom schornstein
bedroht vom roten wecker vor ihm der schluckt
die zeit die es noch hat
zehn minuten dann schrillt der wecker und alles ist aufgegessen
noch weit im dunkel draußen die mutter

fürchte dich es ist so still
nichts hören s’ist so tot das licht
nur tick tack

ich starre auf den wecker und weiß das kind im schwarzen fenster
zählt die zeit seiner bisse wie ich

es kracht im rücken
ich blicke auf
im fensterbild fällt zu die tür
wir sind allein kein flur kein licht
das spiegelkind ich das abendbrot der wecker

zwei mal zwei sind vier
stücken brot sind
tick tack tick tack
zwei scheiben brot in der mitte durchgeschnitten

jetzt zählt der wecker meine zeit
tick tack
jetzt bin ich allein
tick tack
jetzt gibt es abendbrot
tick tack
soll aufessen mein abendbrot
tick tack
schnell aufessen
tick tack

dumpf der geruch das schwein stinkt
die zunge lahm am gaumen klebt
mein kopf beginnt zu summen
im fensterspiegel sehe ich ein kind
wie es mit kalten händen seine erste stulle hält
am rand mit daumen und mit zeigefinger

wieviel zeit hat es noch
die erste stulle ein biss zwei bisse
schön grade halten
und kauen
nicht mehr als zweiunddreißig mal
jemand zählt mit
muss schnell gehen
kindermund hat angst im mund
es würgt
nein nicht brechen
es darf nicht
los die zweite zweiunddreißig
kann nicht schlucken
dreiunddreißig
hinterschlucken
schluck jetzt ich hab gesagt du sollst schlucken!
wieviel sind zehn minuten
wie es hört nach draußen
der wecker tickt
zahlen im rund
gleichgültiger zeiger die sicher ihre kreise ziehen
tick tack tick
hören kauen der wecker die tür
der teller zwei scheiben brot
blick zur tür
kopflos herzlos stopft es sich alles in den mund
tick tack
bestimmt sind zehn minuten gleich um
vierunddreißig
der dünne zeiger hat zeit
kennt seine hast nicht
fünfunddreißig und immer mehr
seine angst nicht sein würgen
nicht!!!
schlucken

alles wieder heraus
vor mir rieche ich die haufen wurstbrote in angst und galle
tick tick tack tack tick

friss auf was du nicht behalten kannst

nichts sagen
ich weiß wie spät es ist
träum was schönes
aber der wecker tickt immer noch